von Alexander-Hassberg
„Wer ist denn diese Frau?“, fragte Ines und deutete auf eine ältere Dame Anfang 70, die vor einigen Minuten das Modegeschäft betreten hatte. Trotz ihres gepflegten Äußeren umgab sie eine Aura des Gestrigen. „Die war doch schon öfter da“, setzte Ines nach. „Aber es wäre das erste Mal, wenn sie etwas kaufen würde“, erwiderte Petra. „Sie kommt Anfang jeden Monats in unser Geschäft, schaut sich durch die gesamte Auslage und bittet schließlich bloß um eine Plastiktüte.“ „Ehrlich?“, hakte Ines nach. „Und da spielen wir mit?“ „Das wirst du gleich sehen. Laut Frau Thieß war das einmal eine unserer besten Kundinnen. Ich nehme an, sie würde auch heute noch gerne so viel shoppen wie früher. Anscheinend geht das jetzt nicht mehr. Vielleicht ist ihr Mann verstorben. Oder sie lebte früher über ihre Verhältnisse. Wer weiß das schon? Wenn du mich fragst: Die sammelt hier und in anderen teuren Läden die Plastiktüten ein, füllt sie unauffällig mit irgendeinem Zeug und stolziert dann durch die Nachbarschaft, um vor ihren Kaffeeklatschtanten anzugeben.“ „Du glaubst auch immer nur an das Schlechte im Menschen.“ „Ach Süße, Pessimisten sind Optimisten mit mehr Erfahrung. Da kommst du auch noch hin, glaub mir. Die Thieß sagt jedenfalls, man wisse ja nie, ob sie nicht doch noch einmal zu Geld kommt. Deswegen bekommt sie ihre Tüte, wenn sie danach fragt. Strikte Anweisung der Chefin. Aber schau selbst.“ Die Verkäuferinnen stellten ihre unauffällige Tuschelei ein, denn die ältere Dame hatte den Tresen fast erreicht. Sie bat höflich um eine Plastiktüte und bekam sie von Petra. Die Dame verließ den Laden und hielt in der Hand diese Tüte sowie neue Tragetaschen und Beutel vieler anderer Geschäfte. Erst kurze Zeit später bemerkte Ines einen Handschuh auf dem Fußboden. Er konnte nur von der Plastiktütenfrau stammen. Sie witterte die Chance, ein Geheimnis zu lüften. “Wenn jemand fragt: Ich nehme meine Mittagspause.“, sagte sie noch und war aus der Tür. Petra schüttelte nur amüsiert den Kopf. Ines hatte kein Bedürfnis, die Plastiktütendame einzuholen. Sie verfolgte die Frau, die leicht an dem Spiel der leeren Tüten im Wind zu erkennen war. Nach einigem Fußmarsch quer durch Hannover verschwand sie in einem Bürgerhaus der Gründerzeit. Die Hobbydetektivin wartete auf dem Fußweg, um im letzten Moment durch den übrigen Spalt der Eingangstür zu schlüpfen. Ihrem Gehör nach schloss sich im Ersten Obergeschoss eine Wohnungstür. Ines nahm ihren ganzen Mut zusammen und klingelte bei Rosenheim. Es öffnete die Haushälterin. Diese erkannte den Handschuh, bat Ines hinein und führte sie in einen großen Empfangsraum mit allerlei antiquierten Möbeln. Die Theorie, dass es der Frau an Geld mangele, schien schlagartig widerlegt. Frau Rosenheim bedankte sich für ihren Handschuh, wollte aber sofort wissen, warum die Verkäuferin sie durch die halbe Stadt verfolgt hätte, denn sie hielt es für ausgeschlossen, einem so jungen Mädchen davongelaufen zu sein. Ines errötete bei dieser Direktheit, gab ihre Neugierde an den Plastiktüten aber ehrlich zu. „Früher dachte ich anders, aber: In diesen Tüten trägt man kein Leben nach Hause. Da passen nur Dinge hinein, die kurz über unsere innere Leere hinwegtäuschen. Auch diese Möbel sind nur Ballast. Ich werde mich von ihnen trennen. Seitdem ich leere Tüten nach Hause trage, fühle ich mich ausgefüllter als jemals zuvor in meinem Leben.“





Die Frage, ob es einen Gott gibt