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Beobachtung Reinhard Lettau

Verfasst von eoip am Februar 11, 2009

Wenn wir durchs Fenster hindurch ins Zimmer schauen, erblicken wir einen Herrn, der an einem Tisch sitzt. In einem anderen Zimmer steht ein Herr neben einem Schrank. Im dritten beobachteten Zimmer stehen zwei Herren hinter einem Tisch. In einem anderen Zimmer läuft ein Herr auf und ab. In einem anderen Zimmer sitzen fünf Herren, alle voneinander abgewandt, jeder liest. In einem anderen Zimmer, fast schon im letzten Haus des Dorfes, steht ein Herr und singt. IM letzten Haus des Dorfes sitzen zwei Herren einander gegenüber. Einer singt, der andere schlägt den Takt dazu. Im letzten Zimmer des letzten Hauses des Dorfes liegt ein Herr auf dem Bett. Wer weiß, ob es im nächsten Dorf anders ist. Überall Frieden

Reinhard Lettau war, was ein deutscher Schriftsteller – bei Strafe von Acht und Bann – nicht sein darf: elegant, elegant im Kopf.

Ihm war Leichtigkeit zu eigen, irisierend, für viele irritierend zwar hieß sein erster Prosaband, 1962, „Schwierigkeiten beim Häuserbauen“ – aber beim Wörterbauen hatte er keine Schwierigkeiten was so nicht stimmt – jene Leichtigkeit war das Produkt, aber beim Akt des Produzierens hat er es sich keineswegs leicht gemacht: ein misanthropischer Uhrmacher, dessen Glückshorizont ein gelungener Konjunktiv und dessen Elend ein falsch gesetztes Komma waren. (…)

Der berühmte Satz: „Le style c’est l’homme“, oft bestritten, trifft für Reinhard Lettau zu. Die Mischung seiner Literatur, schwebend und zugleich pfeilsicher, prägte auch die dissonante Harmonie seines Charakters. Ein zärtlicher Hasser, ein erbarmungslos Gerechter und ein Ungerechter zum Erbarmen. (…)

Wissend, dass niemand das kann, ritzte er es: Seine Bücher sind dieses ins Glas geschliffene Zeichen – keine Botschaft, keine Predigt. Sie sind Selbsteinkreisungen eines, der bestimmt war vom abgrundtief skeptischen Hoffen, Schönheit hülfe beim Menschwerden des Menschen.

Aus  Zeit online


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