eoipdeutsch Weblog

Mit ‘Butterbrot’ verschlagwortete Einträge

Karin Reddemann: Nur dein Butterbrot

Verfasst von eoip am März 4, 2009

Meine Mutter muss schon recht lange dort am kaputten Jägerzäunchen gestanden haben, das unseren alten Schulhof von der Wilhelminenstraße trennte. Wir hatten Pause, und die Evangelischen spielten in ihrem abgesteckten Bereich im hinteren Teil des Hofes, wo die Kastanien standen, während wir Katholischen uns vorn aufhielten. Das alles war gestern.

Heute sah ich ein weggeworfenes Butterbrot unter der hochgewachsenen Hecke liegen, die an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule unbekümmert und unbeschnitten wuchert. Musste heulen, konnte immer noch nicht anders, die Tränen schossen mir fast liebevoll und doch nicht gewollt in die Augenwinkel, und verstohlen wischte ich sie mit dem Zeigefinger weg. Sollte keiner sehen, sollte keiner fragen. Ich sentimentales altes Weib, wer hätte mich denn verstanden?

Meine Mutter stand dort am Jägerzäunchen in ihrem hässlichen zerschlissenen braunen Mantel, die Pause war fast vorbei, und ich war so herrlich unbekümmert. Es war Krieg, mein Vater starb vermutlich irgendwo, und wir hatten wenig Gutes zu essen. Aber ich war ein Mädchen mit langen dicken Zöpfen und großen braunen Augen, und ich lachte trotz allem so gern, wie es mir vermutlich niemand selig zugestanden hätte. Es gab nichts zu lachen. Meine Mutter war zu dünn und viel zu grau für ihr Alter, ihre Manteltaschen hatten Löcher, und sie trug trotz der lausigen Kälte keinen Schal und keine Handschuhe. Den lustig gepunkteten Schal hatte sie Dieter, meinem kleinen Bruder, gegeben, er mochte ihn nicht, zu mädchenhaft. Die grauen Fäustlinge, die meine Hände nicht ausfüllten, hatte ich. Als ich meine Mutter dort am Jägerzäunchen entdeckte, zögerte ich nur kurz, wirklich nur kurz, dann lief ich hin. Ich war wohl aufgeregt, vermutlich, weil Heimatkunde bald beginnen würde. Ich hatte unseren Bahnhof gemalt, mein Vater hat da irgendwann mal als Stationsvorsteher gearbeitet, das war, bevor das alles begann, und ich war stolz und nervös. Und ich war unfreundlich zu meiner Mutter: „Was willst du denn, Mama?“ Ich muss altklug und gereizt geklungen haben, Gott, warum habe sie nicht ganz fest gedrückt?! Meine Mutter stand dort in ihrem hässlichen Mantel mit ihrer hausbackenen Hochsteckfrisur, die nach wenig Zeit, wenig Spiegel aussah, und sie sagte: „Kind, ich wollte dir doch nur dein Butterbrot bringen. Hast du mich denn nicht gesehen?“

Veröffentlicht in Leseecke | Verschlagwortet mit : | Kommentar schreiben »